Modul 6 – Einheit 4
Erwählung und Ablehnung
Hintergrundwissen für Anwender*innen:
In dieser Einheit setzen sich die Teilnehmenden mit zentralen Texten und Positionen aus der Geschichte des Christentums auseinander, die das Verhältnis zu Israel, Judentum sowie Juden und Jüdinnen geprägt haben. Der Fokus liegt auf der Entstehung und Verfestigung antijüdischer Denkmuster im Christentum von den frühen Kirchenvätern bis hin zur Reformation. Durch die Auseinandersetzung mit historischen Texten wird sichtbar, wie theologische Deutungen Israels zur Herausbildung und Verfestigung von Vorurteilen, Abwertungen, Ausgrenzungen und antijüdischen Stereotypen beigetragen haben.
In der Beschäftigung mit dem christlichen Verhältnis zu Israel ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass es christlich keine einhellige Position gibt. Zunächst galt bis in die 50er Jahre wohl für fast alle Denominationen, dass Israel als Land spiritualisiert und christianisiert wurde. Die Kirche verstand sich als das wahre Israel. Da das Volk Israel das Land verloren hatte, wurde dies als Beweis auch für den Verlust der Erwählung und Gottesbeziehung verstanden. Das Land wurde so zum Negativbeweis mit der Begründung: Landverlust.
Insbesondere in den USA entwickelte sich aber der sogenannte christliche Zionismus, der Israel als Land und als Staat theologisch rechtfertigt, bis Jesus als Messias wiederkehrt und die Juden zu sich bekehrt.
Lange Zeit setzte sich das Christentum kaum mit der Frage auseinander, wie der Staat Israel oder seine Gründung theologisch zu deuten sei. Erst ab den 1970er/1980er Jahren vertraten einige die Ansicht, dass die Rückkehr von Jüdinnen und Juden nach Israel und die Staatsgründung ein Zeichen von Gottes Treue seien. Diese Position ist aber bei weitem nicht Mehrheitsmeinung im deutschen Protestantismus und auch nicht im Katholizismus.
Als Anwender*innen ist es wichtig, diese Vielfalt christlicher Deutungen zu verstehen. Nur so lassen sich die historisch gewachsenen negativen Projektionen im Christentum in ihrer Tragweite einschätzen. Wie auch die Gegenbilder im Hintergrund genau diese Einschätzung verstärken.
Tipp zur Bildstörung:
Der alte und der neue Bund – Karin Finsterbusch zur Enterbungstheologie
Ziel
Ziel dieser Einheit ist es die Kontinuitäten antijüdischer Theologie im Christentum zu erkennen, die in aktuelle gesellschaftliche Debatten hineinwirken. Die TN setzen sich mit unterschiedlichen christlichen Deutungen Israels auseinander, analysieren deren theologische Funktionen und historischen Kontexte und reflektieren deren Auswirkungen auf das christliche Selbstverständnis und das Verhältnis zum Judentum.
Ablauf
Einstieg:
Zum Einstieg kann mit einer offenen Frage gestartet werden, um die TN an das Thema heranzuführen und gleichzeitig einen Eindruck vom Kenntnisstand der TN zu gewinnen. Mögliche Einstiegsfragen können sein:
– Welche Bedeutung hat Israel für das Christentum und Christ*innen?
– Warum spielt Israel im Christentum eine Rolle?
– Was könnte Israel mit der Geschichte des Christentums zu tun haben?
– Was könnten Christ*innen früher über Israel gedacht haben?
Arbeitsaufträge/Fragen an das zur Verfügung gestellte Material:
In Kleingruppen bearbeiten die TN Textbeispiele zur theologischen Deutung Israels aus unterschiedlichen Zeiten. Die Zitate stammen von Eusebius, Origenes und Martin Luther. Für die ausgewählten Texte stellen wir verschiedene methodische Herangehensweisen zur Verfügung. Als Anwender*in können Sie am besten einschätzen, welche sich für Ihre Gruppe eignet, sowohl was den zeitlichen Aufwand als auch den Schwierigkeitsgrad betrifft. Sie können natürlich ebenso verschiedene Herangehensweisen miteinander kombinieren. Jede der vorgestellten Varianten sollte mit einem gemeinsamen Abschluss im Plenum enden, um die gewonnenen Erkenntnisse zu teilen und zu sichern. Am Ende sollten die Teilnehmenden nachvollziehen können, welcher Umgang mit dem Land Israel oder verdichtend Jerusalem vorherrscht und welche Funktion(en) diese Texte erfüllen.
Variante 1: Recherche
Die TN werden in Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe bekommt einen der drei (bei Bedarf kann ein Text mehrfach verteilt werden) Texte zugeteilt und macht eine Recherche mit Hilfe folgender Leitfragen:
– Was wird gesagt? (In eigenen Worten zusammenfassen, Schlüsselbegriffe notieren.)
– Wer sagt das? (Person/Institution recherchieren.)
– Wann und in welchem Kontext wurde es gesagt?
– Welche Bedeutung Israels wird sichtbar? Welche Konsequenzen ergeben sich für das Verhältnis von Christinnen zu Jüdinnen/Juden bzw. zu Israel?
– Welche Funktion erfüllen die Texte jeweils für das christliche Selbstverständnis?
Jede Gruppe sollte am Ende ihrer Recherche in der Lage sein, ihre Ergebnisse im Plenum kurz zu präsentieren. Alternativ können auch neue Gruppen gebildet werden, in denen je eine Person aus den Ursprungsgruppen sitzt, die als „Expert*in“ den anderen ihre Ergebnisse vorstellen kann. In jedem Fall ist ein gemeinsamer Abschluss im Plenum sinnvoll, um die Erkenntnisse gemeinsam zu sichern.
Variante 2: Textanalyse
Die TN werden in Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe bekommt einen der drei Texte zugeteilt. Die TN sammeln in einem ersten Schritt alle Unklarheiten und Fragen, die sie bezüglich des Textes haben. Das können begriffliche Unklarheiten sein, Fragen zu den Verfassern oder nach der Bedeutung und Funktion der Texte.
In einem zweiten Schritt werden die Fragen im Plenum gesammelt und besprochen. Hier sind Sie als Anwender*in natürlich besonders gefordert. Bei Bedarf können Rechercheaufträge an die TN verteilt werden, falls eine direkte Beantwortung nicht möglich ist.
Sie können die TN wieder in ihre Gruppen schicken, um folgende Frage zu besprechen: „Welche Bedeutung Israels wird sichtbar? Welche Konsequenzen ergeben sich für das Verhältnis von Christinnen zu Jüdinnen/Juden bzw. zu Israel?“ Oder Sie gehen direkt in einen gemeinsamen Abschluss im Plenum und besprechen diese Fragen zusammen. Deutlich sollte auch werden, welche Funktion die Texte für das christliche Selbstverständnis erfüllten.
Variante 3: Empathie-Übung
- Arbeit am Text in Kleingruppen
Die TN werden in Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe erhält einen der historischen Texte. Zunächst arbeitet die Gruppe den Text inhaltlich aus:
– Was wird gesagt? (In eigenen Worten zusammenfassen, Schlüsselbegriffe notieren.)
– Welche Bedeutung Israels wird sichtbar? Welche Konsequenzen ergeben sich für das Verhältnis von Christinnen zu Jüdinnen/Juden bzw. zu Israel?
- Empathie-Übung: Perspektive einer jüdischen Person
Anschließend wechseln die TN bewusst die Perspektive:
– „Stellt euch vor, ihr seid eine jüdische Person und lest diesen Text. Was könnten diese Worte bei euch auslösen?“
Mögliche Impulse:
– Was für Gefühle könnte das bei euch auslösen? (Angst, Wut, Unverständnis, Traurigkeit…)
– Wie fühlt ihr euch durch die Aussagen behandelt?
– Welche Aussage trifft euch besonders?
– Was würdet ihr dem Verfasser gerne erwidern?
Die TN können ihre Gedanken beispielsweise in Form eines inneren Monologs, eines kurzen Briefes, eines Tagebucheintrags oder in Sprechblasen/Denkblasen festhalten.
Wichtig wäre dabei eine kurze Vorbemerkung des*der Anwender*in: Es geht nicht darum, stellvertretend festzulegen, wie „Jüdinnen und Juden“ sich fühlen, sondern darum, sich anhand der konkreten Aussagen des Textes zu überlegen, welche Wirkung solche Zuschreibungen auf eine betroffene Person haben könnten.
- Abschluss im Plenum
Im Plenum werden die Ergebnisse zusammengeführt, eventuell sind TN bereit, ihre Ergebnisse mit der Gruppe zu teilen. Außerdem sollte nochmal besprochen werden, welche Funktionen diese Texte im christlichen Selbstverständnis erfüllten und wieso die Verfasser diese Texte geschrieben haben.
Variante 4: Plakat-Präsentation/Gallery Walk
Die TN bereiten die Ergebnisse ihrer Textarbeit so auf, dass die unterschiedlichen historischen Positionen sichtbar miteinander verglichen werden können.
Die Variante lässt sich gut mit den Varianten 1 – 3 kombinieren: Die jeweilige Methode der Textarbeit kann zunächst durchgeführt werden bzw. direkt mit einer Plakaterstellung verbunden werden. Jede Gruppe bearbeitet einen historischen Text und erstellt ein Plakat. Mögliche Formen sind:
– Klassisches Poster: Name des Autors bzw. die Quelle, wichtigste Aussagen des Textes, zentrale Begriffe, kurze Textbelege und die Ergebnisse der Analyse
– Aufbereitung in einer MindMap
– Sprechblasen: Zum einen die zentralen Aussagen des jeweiligen historischen Textes, zum anderen mögliche Erwiderungen (siehe Empathie-Übung)
– Etc.
Am Ende können alle Plakate in einem Gallery Walk betrachtet werden und als Ausgangspunkt zur gemeinsamen Ergebnissicherung dienen.
Methode
– Einstieg: Offene Frage(n) zur Bedeutung Israels für Christentum und Christ*innen
– Kleingruppenarbeit: Beschäftigung mit jeweils einem historischen Text
– Variante 1 – Recherche: Aussagen zusammenfassen, Autor und Kontext recherchieren, Bedeutung Israels und Folgen für das Verhältnis zu Jüdinnen und Juden analysieren.
– Variante 2 – Textanalyse: Unklarheiten und Fragen sammeln, gemeinsam klären, anschließend Bedeutung und Funktion des Textes herausarbeiten.
– Variante 3 – Empathie-Übung: Text analysieren und anschließend mögliche Wirkung der Aussagen auf eine jüdische Person reflektieren.
– Variante 4 – Plakat/Gallery Walk: Ergebnisse visualisieren und historische Positionen miteinander vergleichen.
– Abschluss: Ergebnisse im Plenum sichern; besonders herausarbeiten, welche Funktion die jeweilige Israel-Deutung für das christliche Selbstverständnis hatte.
Material
– Bei Variante 1: mobile Endgeräte und Internetzugang
– Bei Variante 3: Papier für innere Monologe, Briefe, Sprechblasen/Denkblasen
– Bei Variante 4: Plakate/Poster-Papier, Stifte, ggf. Moderationskarten und Klebematerial
– Optional: für die gemeinsame Ergebnissicherung: Tafel/Whiteboard/Smartboard/Pinnwand

