Über das Projekt

narrt vernetzt Menschen, die sich selbstreflexiv mit der Verstrickung von Religionspädagogik und Theologie in antisemitische und rassistische Verhältnisse auseinandersetzen wollen. Wir wissen, dass dies ein ständiger Prozess ist, der auch Rückschläge kennt. Wir wollen dennoch gemeinsam nach alternativen Denkweisen, Handlungsformen und Materialien suchen, die sich der Aufgabe stellen, Antisemitismus und Rassismus in Kirche und Gesellschaft abzubauen.

Netzwerk

narrt besteht seit Sommer 2016 als Kooperationsprojekt zwischen der Evangelischen Akademie zu Berlin, dem Comenius-Institut in Münster und dem Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Zur Zeit hat narrt etwa 100 Mitglieder: Einzelpersonen sowie religionspädagogische, kirchliche und universitäre Einrichtungen. Die derzeitige Steuerungsgruppe des Netzwerkes setzt sich zusammen aus Christian Staffa und Nina Schmidt, Juliane Ta Van und Dominik Gautier. Die Mitglieder des Netzwerkes treffen sich alle sechs Wochen zu einem digitalen Austausch (narrt-Café), einmal im Jahr zu einem Fachtag und alle zwei Jahre zu einer öffentlichen zwei- bis dreitägigen Tagung, deren Ergebnisse als epd-Dokumentationen veröffentlicht werden.

Antisemitismus- und Rassismuskritik

narrt versteht als Bezugspunkt seiner Arbeit die „doppelte Perspektive“ der Antisemitismus- und Rassismuskritik. Wir begreifen Antisemitismus und Rassismus als unterschiedene, doch aufeinander zu beziehende Probleme unserer Gegenwart, in denen die Geschichten jahrhundertelanger (christlicher) Judenfeindschaft sowie die Geschichten des Nationalsozialismus und des Kolonialismus wirksam sind. Antisemitismus und Rassismus verstehen wir als gewaltförmige, selbstidealisierende Erzählungen, die sich gegenseitig stützen. Antisemitische Erzählungen verhelfen zum Beispiel dazu, sich als Opfer einer (jüdischen) Elite zu inszenieren und sich als Christ*in am phantasierten jüdischen Unglauben des eigenen „Glaubens“ zu versichern. Rassismus dient der Behauptung weißer christlicher Überlegenheit gegenüber den als anders, entwicklungsbedürftig und minderwertig imaginierten Anderen, zum Beispiel Black, Indigenous, People of Color (BIPoC) sowie Muslim*innen oder Sinti*zze und Rom*nja. Solche Denk- und Gefühlswelten sowie die hiermit zusammenhängenden Praxen zeigen sich zumeist subtil – etwa in Theologien, Kirchenstrukturen, Predigten oder Unterrichtsentwürfen. Obwohl sich der Fokus des Netzwerkes auf Antisemitismus und Rassismus richtet, klammern wir nicht aus, dass diese auch verdeckt, vermischt oder gar verstärkt mit weiteren Mechanismen im Zusammenhang stehen, wie zum Beispiel mit Klassismus, Sexismus, Heteronormativität, Ableismus und ökologischer Krise. Wir gehen hierbei vom Ansatz einer „involvierten Kritik“ aus. Wir verstehen dies so: Religionspädagogik und Theologie können nur an der Zurückweisung von Antisemitismus und Rassismus arbeiten, wenn sie sich als Teil des antisemitisch-rassistischen Problems verstehen. Das Netzwerk versteht sich als diskursiver Raum, in dem es um Erkenntnis und Selbstkritik von individueller und institutioneller Involviertheit in Rassismen und Antisemitismen geht. Diese Praxis zielt – im Sinne eines „Standpunkts ständiger Bewegung“ – auf Schritte zu einem gerechteren und freieren Zusammenleben.

Religionspädagogik

narrt sieht sich als Teil der Entwicklung hin zu einer diskriminierungskritischen christlichen Religionspädagogik. Hierzu gehört es, die Einsichten des interreligiösen und interkulturellen Ansatzes zu überarbeiteten – und zum Beispiel zu reflektieren, dass die Rede von Religionen und Kulturen Gefahr läuft, Bilder zu konstruieren, die in antisemitischen und rassistischen Traditionen stehen. Anliegen der Netzwerk-Mitglieder ist es, nach dem selbst- und machtkritischen Potential der christlichen Tradition zu fragen. Eine Aufgabe, die sich Mitglieder des Netzwerkes gestellt haben, ist die Suche nach religionspädagogischen und theologischen Bildungsmaterialien für Gemeinde, Schule und Universität, mit denen christliche Praxis nicht als Absicherung des Eigenen, sondern als Irritation des Eigenen verstanden wird. narrt zielt damit sowohl auf die Erkundung der christlichen Verstrickung in Antisemitismus und Rassismus als auch auf den Aufbruch zu einem nicht-antisemitischen, nicht-rassistischen Zusammenleben, in dem sich die Anerkennung der Unverfügbarkeit und der Komplexität von Menschen durchsetzt.

Theologie

narrt verortet sich in den Traditionen verschiedener theologischer Strömungen, die wir zusammenbringen und weiterentwickeln möchten. Zum einen verortet sich das Netzwerk in der antisemitismuskritischen Tradition des jüdisch-christlichen Gesprächs, wo seit den 1960er Jahren – zum Beispiel in der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag – an einer Reformulierung von Theologie gearbeitet wird. Zum anderen weiß sich das Netzwerk der rassismuskritischen Tradition der ökumenischen Bewegung – zum Beispiel dem Programm zur Bekämpfung des Rassismus – sowie der Schwarzen Theologie verpflichtet, die seit den 1960er Jahren Rassismus als zentrale theologische Herausforderung benennt. Das Netzwerk möchte beide Ansätze miteinander verknüpfen – und nach christlichen Selbstbildern suchen, die nicht auf die je unterschiedlich negativ geladenen Konstruktionen eines jüdischen, muslimischen oder Schwarzen Anderen angewiesen sind. Christ*innen müssen sich vielmehr von Gottes ungekündigtem Bund mit Israel her verstehen und reflektieren, dass ihre Zukunft gerade von den durch Kirche und Gesellschaft Diskriminierten her zu denken ist.